Wo ist der verflixte Rhabarberkuchen…,

… draußen ist es so heiß und der Rhabarberkuchen von Christel D wäre jetzt der einzige Trost in dieser Prallhitze. Kennen Sie das Gefühl, dass die Zunge klebt und alle Sinne urplötzlich nach diesem und nur diesem einzigen Geschmack verlangen?
Und es einem auch gar nichts ausmachen würde dafür einen halben unglaublich heißen Sommertag vor dem Backofen zu verbringen?
Im Sommer früher gab es immer dieses Blech voll Rharbarberkuchen.
Immer! Mit angebräuntem, weichen Eischnee-Baiser obendrauf, der schon nach 2 Stunden süße Tröpfchen bildete und laut meiner Mutter am nächsten Tag schon nicht mehr essbar war, also in größeren Gebinden gegessen werden musste!
Also wo ist dieses notierte Rezept, dass die komplizierte Kombination aus einer Art von Quark-Öl-Teig, Rhabarber und Eischnee für alle Zeiten in Stein meißelte?
Das Jammern nutzt nichts, das legendäre Rezept von Christel D., welches meine Mutter neben vielen anderen unverwechselbaren Delikatessen von ihren Strickkränzchenschwestern, Freundinnen und und anderen vertrauten Menschen in einem kleinen fleddrigen Büchlein handschriftlich über gefühlte 70 Jahre notiert und gesammelt hatte, ist ebenso wie das gesamte Heft nirgends in ihrer Hinterlassenschaft aufzufinden.
Auch wenn diverse Menschen nach ihrem Umzug ins Seniorenheim in ihrer Dreizimmerwohnung mittlerweile stundenlang geräumt und sortiert haben, ist es doch kaum denkbar, dass irgend ein Familienmitglied (und andere Helfer waren doch nicht beteiligt) ein solches Unikat weggeschmissen hat. Oder doch?
Zugegeben, ich trage einige Pfunde zuviel auf den Rippen und bin eigentlich gar kein großer Kuchen-Fan , trotzdem packt mich plötzlich die Panik.
Rein theoretisch weiß ich, dass ich in der Fülle der Rhabarberkuchen-Rezepte aus der unendlichen Weite des Internets jederzeit schier ertrinken könnte.
Dazu bin ich ein begeisterter Leser von Rezepten in Zeitungen oder auch im Fernsehen, koche sie dann allerdings im Alltag niemals 1:1 nach, sondern lasse mich vorwiegend inspirieren und schmecke lesend im Geiste vor, um anschließend dann völlig losgelöst von Maßen, Mengen und Details übergangslos vor dem Herd in die freie Kür überzuwechseln. Freestylekoch sozusagen. Ich könnte mir eigentlich also die Ruhe reintuen und nach einer spannenden wie auch immer gearteten Rharbarberkuchenalternative suchen.
(Anmerkung am Rande: Donnerwetter: das ist aber jetzt mal ein wunderbares Wort für Scrabble, viele Punkte und Ehre garantiert!)


Aber jetzt im Moment bringt mich allein der Gedanke, dass dieses einzigartige Sammelwerk ‘written by Erika’ unwiederbringlich verschwunden sein soll, völlig aus der Fassung.
So suche ich weiter ‘modern’: In unseren Familienchats bei WhatsApp stelle ich alle mal als erstes unter Generalverdacht, beschreibe (…diktierend, denn so schnell schreibe ich nicht per Handy) wortreich den Wert dieses handgeschriebenen Artefakts meiner Mutter und bettele um weitreichende Suchaktionen in den ererbten Hinterlassenschaften.
(… vielleicht im Kochtopf oder so???)
Aber keiner hat es und es ist und bleibt einfach verschwunden.
Auch der anerkennende Kommentar meines Sohnes von seiner Arbeitsstelle (mein Gott Mama, was hast du morgens viele Worte) muntert mich nicht auf. War in diesem Rezeptbuch nicht auch die Anleitung für unser legendäres Berliner Brot zu Weihnachten notiert? Auch wenn ich gar kein Plätzchenesser bin, kann ich mir einfach kein Weihnachten ohne diese Kekse vorstellen.
Bitte denken Sie jetzt nicht, dass ich ein romantischer Weihnachtsbär bin, oder nur schrecklich verfressen, ich habe sogar Mama stets wortreich erklärt, dass ich zu Weihnachten keinen Plätzchenteller mehr von ihr brauche, aber ich weiß jetzt schon ganz genau: Ich brauche das Berliner Brot, wenn sie nicht mehr da ist. Ich brauche es einfach!

So werde ich also weiter auf die Suche gehen, auch wenn’s schon fast ein Cold Case ist. Und wenn einer von Ihnen zufällig irgendwo ein Sammelsurium von handgeschriebenen Rezepten in einem kleinen Büchlein beim Altpapier findet, dann sagen Sie mir kurz Bescheid. Es muss aber unbedingt der Rharbarberkuchen von Christel D. darin sein. Und das Berliner Brot. Sonst nutzt’s mir nix!

Herzliche KiWiGrüße

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